Woche 42 / 2019

Lang, länger, Rüdisühlis Kugelbahn


Mit 25 Jahren schwor sich Paul Rüdisühli, eine riesige Kugelbahn zu bauen. So riesig, dass sie mit 15 Minuten Laufzeit dereinst die längste der Welt sein soll. Anstoss dazu gab damals ein Samichlausbesuch: «Meine Kinder spielten während des Besuchs mit einer eigens gefertigten Kügelibahn. Der Chlaus war beeindruckt von deren Grösse und meinte, ich solle sie noch grösser bauen.» Gesagt, getan: Seit nunmehr 14 Jahren arbeitet der Künstler Rüdisühli an seiner sechs auf zwei Meter grossen Drahtkonstruktion. Sie ist gewissermassen zu seiner Lebensaufgabe geworden: «Tag und Nacht hämmere und schweisse ich daran. Meine Arbeitstage dauern gut und gerne einmal über zwölf Stunden bis weit in die Nacht hinein. » Von der schweisstreibenden Arbeit könne ihn nicht einmal der heilige Sonntag abhalten, fügt der gelernte Karosseriemechaniker mit schelmischem Grinsen an. Man merkt: Von gesellschaftlichen Zwängen hält er nicht gerade viel. An erster Stelle steht für ihn Kunst – und eben die Vision, die weltgrösste Kugelbahn zu erschaffen.


Eine Lebensaufgabe
Doch: Ein derart ambitioniertes Unterfangen erfordert entsprechenden Raum und vor allem auch Geld. «Ein normaler Job war nie etwas für mich.» Und trotzdem: Um die für seine Vision unabdingbare Ausstattung überhaupt finanzieren zu können, war Rüdisühli zwischendurch gezwungen, als Taxifahrer sein Geld zu verdienen. Mittlerweile steht die Kugelbahn in Sursee: Im Wohnzimmer seiner Lebensgefährtin Irene Lang. Wo früher gutbürgerlich Sofa und Fernseher standen, zieren heute Werkbank, Schweissgerät, Gas- und Sauerstoffflaschen die Wand. Dazu Irene Lang: «Für mich ist dies überhaupt kein Problem. Ich unterstütze das Projekt, wo und wie ich nur kann.» Dank der finanziellen und ideellen Unterstützung durch seine Lebensgefährtin kann sich Paul Rüdisühli heute voll und ganz seinemLebenswerk widmen.

Kugel bahnt sich ihren Weg
Passenderweise trägt die Kugelbahn den Titel «Vita». Es gäbe keine bessere Art, das Leben darzustellen, so Rüdisühli: «Die Kugel muss sich ihren Weg durch ein unüberschaubares Draht-Wirrwarr suchen. Plötzlich geht der Weg nach rechts oder links, unvermittelt nach oben oder unten – wie im richtigen Leben halt.» Sei es das einstürzende World Trade Center, der rauchende Engel, der mit Palmenblättern überkrönte Ölbohrturm oder die vielen anderen, vielfach erst bei genauerem Hinsehen erkennbaren Szenerien – es handelt sich hierbei durchwegs um Themen, die den 57-jährigen Künstler in seinem bewegten Leben auf die eine oder andere Weise beschäftigt haben. Im Moment treibt ihn aber vor allem eine Sache um: «Ich möchte nächstes Jahr damit fertig werden, pünktlich zu meinem Geburtstag.» Was danach mit der weltlängsten Kugelbahn passieren wird, ist noch nicht klar. Rüdisühlis Traum: «Schön wäre, wenn sie eines Tages in einem Kinderspital zu stehen käme.»

CHRISTOPH LEISIBACH