Woche 50 / 2018

Die Olympia-Premiere als ganz grosses Ziel


Zum Gesprächstermin kommt sie direkt aus Magglingen. Und nach dem Gespräch fährt sie unverzüglich nach Hause, um zu packen. Bereits am nächsten Tagwird sie nach Lissabon fliegen, ein paar Tage später nach einem zweitägigen Abstecher in die Schweiz weiter in die chinesische Metropole Shanghai. Fabienne Kaufmann führt ein rastloses Leben zwischen Training, Kofferaus- und Koffereinpacken und Arbeit. Die 21-jährige Oberkircherin, die seit ein paar Monaten in St. Erhard wohnt, ist eine der besten Schweizer Karatekas. Mitte November konnte sie sich in Aarberg als Schweizer Meisterin feiern lassen – nach einem Sieg über ihre grösste Konkurrentin im Land, die Baselbieterin Ramona Brüderlin. Es war bereits Kaufmanns sechster SM-Titel, aber der erste bei der Elite, in der Königsklasse. Die 1.69 Meter grosse und rund 69 Kilogramm schwere Athletin der Karateschule Sursee tritt in der Kategorie +68 an. Fabienne Kaufmann arbeitet jeweils am Montag und Dienstag als KV-Angestellte in der Versicherungsbranche. Am Mittwoch und Donnerstag steht der Halbprofi mit dem Nationalkader in Magglingen auf der Matte oder stemmt Gewichte im Kraftraum. Am Freitag und Samstag macht sie dasselbe in Sursee – oder sie bestreitet irgendwo auf der Welt einen Wettkampf. Nur am Sonntag gönnt sie sich und ihrem Körper in der Regel Ruhe. Schon seit Beginn der Lehre lebt sie ihren Sportlertraum konsequent, verzichtet auf vieles.


Tokio 2020 – oder dann halt Paris 2024
Mit Karate begonnen hatte sie mit fünf Jahren. Die Karriere soll im Sommer 2020 einen ersten prominenten Höhepunkt erfahren: die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Die Teilnahme ist ihr ganz grosses Ziel – und mehr als nur im Hinterkopf. «Tokio ist jetzt bereits ein mittelfristiges Ziel.» Ob sie das schafft? Und ob es dann gar zu einer Medaille reichen könnte? Piero Lüthold, Gründer und Leiter der Karateschule Sursee und langjähriger Betreuer Kaufmanns, betont, dass es noch ein weiter Weg bis Olympia ist. «Das wird sehr schwer. Aber man weiss ja nie. Es kann sich in diesen anderthalb Jahren noch viel verändern. Ich hätte natürlich grosse Freude, wenn sie es schaffen würde.» Und falls es nicht reiche, könne ja Olympia 2024 in Paris mit dannzumal mehr Erfahrung ein grosses Ziel sein.

Im Kopf muss es stimmen
Auch Kaufmann selber dämpft die Erwartungen. Ihr sei bewusst, dass sie sich noch in jedem Bereich steigern müsse. Insbesondere auch bei der Zielgenauigkeit. Es gibt aber in ihren Augen keine einzelne grosse Baustelle. «Vor allem die Fehlerquote muss noch minimiert werden. » Für Lüthold sind Fabienne Kaufmanns Hauptstärken «einerseits der Wille zum Gewinnen, andererseits im technischen Bereich die Handtechniken». Neuerdings beginne sie auch mit den Beinen besser zu agieren. Dadurch werde sie variabler, schwerer ausrechenbar. Und genau das brauche sie vor allem auch auf internationalem Parkett. Letztlich entscheiden jeweils ohnehin Nuancen über Sieg oder Niederlage, über Freude oder Frust. «Im Karate ist es so, dass am Tag X der Kopf stimmen muss. Das Mentale ist ein sehr, sehr wichtiger Teil. Denn die Techniken beherrschen alle», so Kaufmann. Pro Jahr bestreitet Fabienne Kaufmann rund 16 internationale Turniere, dazu einige in der Schweiz. Die Wettkämpfe finden hauptsächlich in Europa und Asien statt. Das Reisen bereitet ihr bisher keine Probleme, weder der Jetlag noch besondere Essgewohnheiten. «Ich bin noch jung und kann das gut wegstecken», sagt sie schmunzelnd. Sie mag die Trips in ferne Städte – auch wenn sie von letzteren dann jeweils wenig sieht. Oft wird sie auf den Reisen von ihrem persönlichen Coach Stefan Carneiro von der Karateschule Sursee begleitet.

Auf Platz 40 der Weltrangliste
Karate steht 2020 erstmals überhaupt im Olympischen Programm. Erhöhte Aufmerksamkeit wird der fernöstlichen Kampfsportart dann also gewiss sein – und damit deren Protagonisten. Vielleicht also auch Fabienne Kaufmann. Dafür muss die bald 22-Jährige aber nicht nur die Schweizer Nummer 1 werden, sondern auch bei internationalen Turnieren die notwendigen Qualifikationskriterien erfüllen. Beim Vorbereitungsturnier in Lissabon am Wochenende strebte sie einen Platz auf dem Podest an. Das schaffte sie mit Platz 3. Für Shanghai – ein Turnier der Serie A – an diesem Wochenende nimmt sie sich einen Top-Ten-Platz vor. Nur durch Topergebnisse an den Turnieren der beiden höchsten Kategorien SerieAund K1 kann Fabienne Kaufmann ihr Ranking verbessern. Noch als U21-Athletin war sie die Nummer 7 der Weltrangliste gewesen. Nach dem 21. Geburtstag im Januar 2018 belegt sie jetzt bei der Elite Rang 40. Die Richtung, in die es für die ehrgeizige Sportlerin gehen soll, ist klar: nach oben.

ACHIM GÜNTER